Jane Austen und ich – ein Irrtum!

Bis vor kurzem habe ich mich den Büchern von Jane Austen hartnäckig verweigert. Meine Abneigung gegenüber ihren Werken beruhte zu einem großen Teil auf den Romanverfilmungen. Die fand ich durchweg viel zu kitschig und übertrieben opulent. Der Fokus lag auf den herrschaftlichen Anwesen, den aufwendig geschminkten Charakteren in pompösen Kleidern, dem Prunk – und von all dem für meinen Geschmack viel zu viel. Kostümfilme mit garantiertem Happy End.

Nun sind große und aufwändige Hollywood-Schinken grundsätzlich nicht mein Ding. Das musste bereits vor vielen Jahren ein guter Freund erfahren, der er mich völlig euphorisch zum Filmstart von „Titanic“ ins Kino schleifte. Statt gemeinsam mit ihm (und den 400 anderen DiCaprio-Fans) ins Taschentuch zu schluchzen, rutschte ich nervös auf meinem Sessel hin und her bis das erlösende „The End“ auf der Leinwand erschien. Ich schwor mir, den Film kein zweites Mal anzusehen und dabei blieb es auch. Mag sein, dass ich Romantik nur in kleinen Mengen vertrage. Doch zurück zu Jane Austen.

Natürlich waren die Verfilmungen nicht der alleinige Grund, die Austen Bücher per se zu meiden. Es wäre schlicht nicht fair von einer schlechten Literaturverfilmung 1:1 auf die Qualität des Buches zu schließen. Was hat mich noch abgeschreckt? Was hat mich veranlasst zu glauben, Jane Austens Bücher wären ebenso übertrieben kitschig und klebrig wie die Spielfilme?

Es war der billige hellblaue Babystrampler mit der Aufschrift „Little Mr. Darcy“ (gibt es – natürlich – auch in rosa für „Mrs Darcy“), Jane-Austen-Teetpötte mit Goldrand, Modeschmuck, kitschige Wandteller, Kissenhüllen und – last but not least – eine Jane-Austen-Action-Figur (!!!). Das emsige Treiben der Fanartikelhersteller hat mein Jane Austen Bild vervollständigt und ich wurde zum „Stolz und Vorurteil“-Verweigerer.

Heute jährt sich ihr Todestag zum zweihundertsten Mal und selbstverständlich ist es nicht meine Intension, ihr Andenken respektlos zu zerfleddern. Vor wenigen Wochen las ich einen Artikel, in dem eine Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft zu Wort kam. Sie beschrieb Jane Austen als eine meisterliche Gesellschaftskarikaturistin mit kühlem und kritischem Blick auf soziale Umstände. Das machte mich stutzig. Ich begann mich mit Austens Biographie zu befassen und was ich las passte nicht zu meiner vorgefassten Meinung, oder besser gesagt: meinem Vorurteil!

Jetzt wollte ich es wissen, ich musste einen Austen-Roman lesen – und mich so neutral wie nur möglich auf ihn einlassen. Es wurde „Anne Elliot oder die Kraft der Überredung“ in der Übersetzung von Sabine Roth. Mea culpa, verehrte Frau Austen, ich habe mich geirrt. Ich fand in diesem Buch keinen klebrigen Kitsch. Ich fand scharfsinnige Satire, eine intelligente Protagonistin, äußerst kluge Dialoge und eine lebendige Beschreibung der britischen Klassengesellschaft. Chapeau!

Eitelkeit war Sir Walter Elliots hervorstechendster Wesenszug: Eitelkeit bezüglich seines Äußeren und seines Standes. Er war ein bemerkenswert schöner junger Mann gewesen und sah nun, mit vierundfünfzig, immer noch sehr gut aus. Wenige Frauen konnten mehr Gedanken an ihre Erscheinung verschwenden, als Sir Walter es tat; selbst der Kammerdiener eines neu geadelten Lords hätte nicht beglückter sein können über seinen gesellschaftlichen Rang. Die Segnung der Schönheit wurde für ihn nur übertroffen von der Segnung der Baronetswürde; und der Sir Walter Elliot, der diese Gaben in sich vereinte, war der stete Gegenstand seiner Wärmsten Zuneigung und Verehrung.

Buchinformation
Jane Austen, Anne Elliot oder die Kraft der Überredung
Deutscher Taschenbuch Verlag
Erschienen 2010
Übersetzt von: Sabine Roth
ISBN: 978-3-423-13901-4

Jane Austen und ich – ein Irrtum!

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