François Lelord: Hector und das Wunder der Freundschaft

Der Roman “Hector und das Wunder der Freundschaft” fiel mir vor Jahren in den Schoß. “Dieses Buch macht glücklich ” – der Satz hat bei mir sofort gezogen. Aufgrund einer Verletzung war ich nahezu bewegungsunfähig und das mitten im Hochsommer. Kurz gesagt: ich war entnervt und schlechter Stimmung. Ein Buch, das glücklich macht, war herzlich willkommen!

In Lelords Büchern geht es immer um die ganz großen Lebensfragen: die Suche nach Glück, Liebe und Zeit – und um die Freundschaft. Es sind keine literarische Meisterwerke, sondern eine angenehme Mischung aus leichter Erzählung, philosophischen Gedanken und psychologischen Hintergrundinformationen. Sie sind ein Seelenpflaster für Erwachsene, denen Schokolade zu viele Kalorien hat.

Das Wunder der Freundschaft ist ein kleines kriminalistisches Abenteuer, in dem der französische Psychiater Hector einem alten Schulfreund zur Hilfe eilt. Der hat 300 Millionen Dollar unterschlagen und sich aus dem Staub gemacht, weswegen ihn jetzt eine eiskalte asiatische Militärpolizistin sucht. So verlässt Hector seine Praxis und begibt sich auf die Suche nach Édouard, allerdings ohne dass der ihn darum gebeten hätte. Diese Abenteuerreise ist die Szenerie für den eigentlichen Leitfaden des Buches. Was ist Freundschaft?

Zu Beginn des Buches nehmen wir an einigen Therapiestunden in Hectors Praxis teil. Seine Patienten zweifeln an der Qualität ihrer Freunde, fühlen sich von ihnen missverstanden oder wissen überhaupt nicht, wie man Freundschaften schließt. Besonders die Lady, eine Schauspielerin, leidet sehr darunter. Sie ist eine emotional instabile Frau, die nicht aus der Achterbahn extremer Gefühle und Spannungen aussteigen kann. Ihren Mitmenschen macht sie damit das Leben sprichwörtlich zur Hölle. Bevor der Leser bei all diesen frustrierenden Krankengeschichten in Trübsal verfällt, packt Hector sein obligatorisches Notizbuch ein und macht sich auf den Weg nach Asien, denn der letzte bekannte Aufenthaltsort seines Freundes war ein Kloster in Tibet.
Zu Clara, seiner Frau, hält er während der Reise Kontakt per Email. In ihren elektronischen Briefen diskutieren die Beiden die Definition von Freundschaft. Wer bisher mit Aristoteles’ Schrift “Nikomachische Ethik” nicht vertraut war, lernt durch dieses Buch die Kernthesen kennen.
Er unterschied Freundschaften, die sich auf Vergnügen gründen, Freundschaften, die auf dem Nutzen beruhen, und tugendhafte Freundschaften, wobei die Letzteren in seinen Augen natürlich die wahren Freundschaften sind
Für Hector gibt es auf seiner Reise ein Wiedersehen mit alten Weggefährten und Freunden. Lelord lässt “zufällig” alle Hauptdarsteller in Asien leben, was sehr konstruiert wirkt, doch das macht in diesem Fall nichts. Jean-Michel, Brice und Valérie sind alte Schulfreunde von Hector und Édouard. Die gemeinsame Zeit liegt lang zurück und heute sind sie Erwachsene mit völlig unterschiedlichen Lebensweisen. Der eine ist ein aufopferungsvoller Arzt in einem primitiven Krankenhaus. Der andere hat einen tiefen gesellschaftlichen Absturz erfahren. Valérie ist Hectors bester weiblicher Freund und viel zu gut für diese Welt. Édouard war ein erfolgreicher Banker, bevor er den falschen Leuten die unglaubliche Summe von 300 Millionen Dollar geklaut hatte. Und dann gibt es da noch Jean-Marcel, ein Agent des Nachrichtendienstes, mit dem Hector in der Vergangenheit bereits ein Abenteuer erlebt hat. Mit ihm verbindet er eine ganz andere Art der Freundschaft.

Keiner weiß so recht, warum er auf der Suche ist und wie weit man eigentlich gehen muss, um einem Freund zu helfen. Es brechen alte und neue Konflikte auf, die Freundschaft unserer Akteure steht ein ums andere Mal auf dem Prüfstand. Hector, ganz Psychiater, notiert seine Beobachtungen in das Notizbuch:

Ein Freund ist jemand, der dich daran hindert, zu weit zu gehen

Hectors Suche geht quer durch den Dschungel und Lelord erschwert seinem Protagonisten das Leben, in dem er die Lady am Schauplatz des Geschehens auftauchen lässt. Eine Schauspielerin mit Boderline Syndrom trifft in einem alten Bergdorf auf ein Volk von Kriegern. Und raten Sie mal, wer da wen das fürchten lehrt? An diesem unbekannten Ort, den selbst die Truppen der Regierung meiden, treffen alle aufeinander. Hector und seine Freunde, Édouard, die Lady, das Kriegervolk und die mysteriöse, gefährliche Militärpolizistin mit ihrer Truppe. Währenddessen wird daheim in Frankreich Hectors Familie bedroht. Damit die Geschichte gut ausgeht, müssen Hector und seine Freunde einen Plan ausbrüten. Und sie brauchen natürlich Hilfe – von Freunden!

Man kann auch zweifeln, ob man die Beziehungen zu solchen Freunden, die nicht die Alten bleiben, abbrechen darf und soll oder nicht.

Aristoteles

Das Buch hat mich zum Grübeln gebracht. Was erwarte ich von meinen Freunden? Was fehlt mir an manchen Menschen, um sie zu meinen Freunden zu zählen?  Wieviel Toleranz bringe ich für meine Freunde auf? Gibt es die eine Freundin, die meine Bedürfnisse in allen Lebenslagen erfüllt? Oder habe ich einen heterogenen Freundeskreis? Eine Freundin für Trost und Zuspruch, die andere für gemeinsame Unternehmungen? Möglicherweise treffe ich eine viel zu selten- aber sie würde kommen, wenn ich ihre Hilfe brauche. Und zwar mitten in der Nacht, bei Schneegestöber und Eisregen. Und was bin ich bereit, für meine Freunde zu tun?

François Lelord hat ein zauberhaftes Buch geschrieben. Der Leser hat vollen Zugriff auf Hectors Gedankenwelt, die verschiedenen Schauplätze der Geschichte sind gut und lebendig beschrieben. Einen Abenteuerroman, in dem es vor Spannung nur so knistert, darf man nicht erwarten. Wer aber ein Buch lesen möchte, an dessen Ende man sich warm, wohlig und glücklich fühlt, dem möchte ich diesen Roman empfehlen.

 

Buchinformation
François Lelord , Hector und das Wunder der Freundschaft
Piper Verlag
Erschienen am 01.10.2011
Übersetzt von: Ralf Pannowitsch
ISBN: 978-3-492-27340-4

François Lelord: Hector und das Wunder der Freundschaft